Sonntag, 15. April 2018

Das jüngste Gericht


Der Himmel war fast schwarz. Dunkle Wolken rasten bedrohlich schnell von den Bergen hinab Richtung Dorf. Dort waren alle Fenster und Türen verschlossen. Die Angst vor dem kommenden Unwetter ließ den Ort verwaist erscheinen, so als ob er schon seit langer Zeit verlassen worden wäre.  Nicht einmal ein Hund war auf der Straße. Es war sehr still – die Ruhe vor dem Sturm. Und der würde kommen!
Die Luft roch nach Unheil. Langsam aber stetig wurde der Wind stärker, fegte die Straßen entlang, rüttelte immer heftiger an geschlossenen Fensterläden. Irgendwo schepperte eine Türe, wahrscheinlich hatte jemand vergessen sie zu schließen. Niemand kümmerte sich darum. Das Rauschen des Sturms schwoll stetig an. Immer mehr Gegenstände flogen durch die Luft, knallten an Häuserwände, Gartenzäune und Wägen, fielen herunter und machten einen Höllenlärm.
Ein anfangs leichter Regen peitschte nun waagerecht und prasselte auf Dächer und Fenstersimse. Bäume bogen sich beängstigend hin und her und wer wusste schon, ob sie nicht entwurzelt auf Häuser oder Menschen stürzen würden? Gleißende Blitze durchzuckten den Himmel, sofort gefolgt von tosendem Donner. Es schien, als ob der Weltuntergang gekommen sei.
„Das ist die Strafe Gottes, er bestraft uns, wir sind verflucht“. Michel saß am Küchentisch, die Hände auf dem Tisch gefaltet, den Kopf gesenkt. Er murmelte etwas vor sich hin, das wie ein Gebet klang. „Vater unser im Himmel….“. Er schüttelte den Kopf. „Wir sind verflucht – alle. Wir hätten das nicht tun dürfen. Jetzt bestraft uns der Herrgott, wir werden alle sterben“.
„Halt den Mund! Niemand wird hier bestraft. Das ist nur ein ganz normales Gewitter.“ Gertrud, seine Frau, fasste ihn von hinten an der Schulter und schüttelt ihn. „Hörst du?“
„Das ist das jüngste Gericht, wir müssen jetzt büßen für unsere Tat. Es gibt keine Hoffnung mehr für uns, für keinen von uns, wir sind schon beinahe tot. Die Erde wird sich auftun und uns hinabreißen und wir werden ewig in der Hölle braten“.
Wie zur Bestätigung donnerte es laut.
Plötzlich ein lautes Klopfen. Michel erschrak „jetzt kommt er uns holen!“ Er beugte wieder den Kopf und faltete die Hände „… und vergib uns unsere Schuld…“.
Gertrud öffnete die Tür. Es war der Bürgermeister. Seine Kleidung war nass und die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. „Berti, was machst du denn bei diesem Wetter draußen? Komm rein!“
Berthold betrat die gute Stube und zog die nasse Jacke aus. „Ich mach dir schnell einen Kaffee, setz dich an den Ofen“. Gertrud hängte die Jacke an den Kleiderhaken an der Tür.
„Danke Gerti, den könnte ich gut gebrauchen.“ Der Bürgermeister lehnte sich an den warmen Kachelofen und rieb sich die Hände „was für ein Sauwetter“.
„Das ist die Strafe Gottes Berti, wir sind verflucht“ drang die verzweifelte Stimme Michels vom Tisch herüber „wir hätten das nicht tun dürfen“.
„Michel, was redest du denn da?“ Berthold war verwundert. Offenbar war Michel durch das starke Unwetter vor Angst verwirrt.
„Nichts Berti, der Michel hat nur Angst vor dem Gewitter und jetzt fallen ihm alle seine kleinen Sünden ein, die er jemals begangen hat“ sagte Gertrud hastig „Michel reiß dich doch zusammen!“.
„Wie möchtest du deinen Kaffee Berti? Mit Milch und Zucker?“
„Schwarz wie die Nacht finster“.
„Schwarz und finster – die Nacht verschlingt uns, und lässt uns nicht mehr los. Herr vergib uns, bitte vergib uns.“ Michel fing an zu weinen.
Derweil riss und zog der Wind an den Fensterläden, der Regen prasselte mit voller Wucht nieder und die Straßen draußen waren im Nu überschwemmt, ein strenger Wind heulte und drohte den Baum vor dem Fenster, dessen Fensterladen inzwischen weggeflogen war, umzureißen und auf das Haus zu stürzen. Ein gleißender mehradriger Blitz fuhr vom Himmel und der sofort darauf folgende ohrenbetäubend laute Donner zeugte davon, dass es ganz in der Nähe eingeschlagen haben musste. Obwohl es erst Mittag war, hüllte die bedrohliche Dunkelheit alles ein. Vor lauter Niederschlag konnte man keine 5 Meter weit sehen.
Gertrud hatte inzwischen das Licht angemacht, reichte dem Bürgermeister ein  Haferl mit Kaffee und setzte sich neben ihn auf die Ofenbank. „Irgendwer hat seine Suppe nicht aufgegessen“ scherzte Berthold, aber es war ihm nicht zum Lachen.
Plötzlich wurde es dunkel in der Stube. Michel schrie auf und Gertrud lief, um Kerzen zu holen.
„… sondern erlöse uns von dem Bösen“. Michel legte den Kopf auf die Hände und schluchzte.
„Armer Michel“ sagte Berthold. „Ich wusste nicht, dass er so ein ängstlicher Typ ist.“ Aber sehr wohl war auch ihm nicht. Er hatte auch Angst, eine beschissene Angst!
„Es war nicht Recht, ihm das anzutun. Das hatte er nicht verdient“ Michel schüttelte den Kopf. „Der Herrgott hat gesagt ‚du sollst nicht…. “.
„Michel, du musst aufhören damit. Das Gewitter verwirrt dir den Kopf.  Du kannst keinen klaren Gedanken fassen. Hier, trink einen Becher Kaffee mit Milch, dann geht es dir wieder besser“. Gertrud drückte ihm schnell die Tasse in die Hand und strich über seinen Kopf. „Es ist alles gut. Was geschehen ist, ist geschehen und du solltest darüber auch nicht länger nachdenken“.
Berthold schaute fragend auf. „Von was redet ihr beide denn da? Was ist denn geschehen?“
Es klopfte wieder an der Tür und als Gertrud öffnete, trat der Pfarrer ein. „Gott zum Gruße beisammen. Ob ich mich wohl etwas bei euch aufwärmen dürfte? Ich war gerade beim Sepp Hochleitner und das Unwetter hat mich dann doch noch auf dem Rückweg erwischt. Hab nicht gedacht, dass es so schnell kommt“.
Gertrud erschrak als Michel aufschrie „der Sepp, der Sepp. Das hat er nicht verdient, wir hätten ihm das nicht antun dürfen. Nun kommen die himmlischen Heerscharen und holen uns und wir braten in der Hölle. Herr Pfarrer bitte beten sie für uns“.
Der Pfarrer und der Bürgermeister starrten den Michel entsetzt an. Gertrud hob die Hand und schlug Michel ins Gesicht. „Hör endlich auf damit, was vorbei ist muss ruhen!“.
Michel sprang auf und lief aus dem Zimmer.  Noch bevor seine Frau es verhindern konnte, riss er die Haustüre auf und rannte direkt in das tosende Unwetter hinein.
„Michel! Michel! Komm zurück!“. Die drei Zurückgebliebenen standen entsetzt und ratlos im Flur und sahen durch die Haustüre in die Schwärze und versuchten Michel auszumachen. Aber sie sahen ihn nicht. Sie wussten nicht, was sie tun sollten. Gertrud nahm die Jacke des Bürgermeisters vom Haken, warf sie sich über und rannte los. Hinter ihr schloss sich die Wand aus Regen und umherfliegenden Teilen. Der Bürgermeister und der Pfarrer sahen sich hilflos an. Keiner traute sich den beiden zu folgen.
An nächsten Morgen war der Spuk vorbei und die Sonne lachte vom Himmel, als hätte sie nie etwas anderes getan. Das Gewitter hatte sich in der Nacht abgeschwächt und sich dann ganz verzogen. Die Straßen waren voller Schmutz und Unrat, die Gärten und Vorgärten verwüstet, die Häuserwände schmutzig, Dächer abgedeckt, Wägen umgefallen, die Brücke eingestürzt,  Bäume entwurzelt. Am schlimmsten sah es auf dem Marktplatz aus, Äste der dicken alten Linde waren abgebrochen und herabgefallen und unter einem dieser dicken Äste lag Michel, Hand in Hand mit Gertrud.
Der Bürgermeister fand die beiden und holte den Pfarrer. Beide standen traurig und ratlos. Würde das Geheimnis, das Michel und Gerti geteilt hatten nun für immer unentdeckt bleiben? Der Pfarrer schaute vor sich hin, runzelte die Stirn und meinte rätselhaft „wir werden ja sehen…..“ .

© Petra Schuster
Nürnberg, 15.04.2018

Diese Kurzgeschichte entstand im Rahmen eines Schreib-Kurses beim Bildungszentrum Nürnberg am 8.4.2018.bei dem Dozent Lucas Fassnacht
Überarbeitet und dann Vorgetragen am 15.04.2018 in der Orangerie im BZ

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