Montag, 8. September 2014

Zwei alte Freunde

Seit Kindheitstagen liebe ich es, zu Lesen. Aus Mangel an Lesestoff (das gute Schneider Buch war teuer und es kam nichts anderes ins Haus), las ich alle meine Bücher mindestens dreimal, manche öfter.

Einmal, ich war ungefähr 10 Jahre alt, wollte ich wieder einmal etwas Neues lesen. Da fiel mir ein, dass in Vaters Regal ein paar wenige Bücher standen. Tagsüber war ich immer allein zu Hause und so ging ich stöbern.

Ich erinnere mich nur noch an zwei Titel. Natürlich kein Lesestoff für Mädchen.
Das eine Buch war ein Kinderbuch für Jungs, geschrieben in altdeutscher Schrift. Der Einband war bunt und ein Indianerjunge war darauf. Ich fing an zu schmökern. Es dauerte anfangs ziemlich lange, weil ich noch nie so eine Schrift gelesen hatte. Aber ich fühlte mich in eine andere Welt versetzt. Indianer! Und der Stil war auch ganz anders, für Jungens eben. Ich liebte es, in diese neue Welt einzutauchen und meine Einsamkeit eine Zeit lang zu vergessen, ins ferne Amerika zu reisen und ein Abenteuer mit einem Indianerjungen zu bestehen, mit Büffeln, Zelten, und Ponys in einer fremden Zivilisation und Kultur.

Einmal, bei einem seltenen Besuch mit Klassenkameradinnen im Freibad, nahm ich das Buch mit. Alle lachten mich aus, reagierten verständnislos. Ein Mädchen, das ein Jungenbuch liest! Na ja, Außenseiterin war ich schon immer gewesen und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, verdammt eigensinnig.

Als mein Vater merkte, dass ich das Buch las, reagierte auch er sehr seltsam und versuchte mir deutlich zu machen, dass ich doch ein Mädchen sei und Mädchenbücher lesen müsse (und mit Puppen spielen!). Und ich hatte fast das Gefühl, er hielt mich einmal mehr für eine missratene Tochter (wenn schon "by accident", dann hätte er doch lieber einen Jungen gehabt). Irgendwann war dieser erste besondere Freund dann verschwunden.

Ich weiß leider nicht mehr, ob ich zu Ende gelesen habe. Aber wenn ich daran denke, dann spüre ich immer noch ein bißchen diese fremdartige, geheimnisvolle Atmosphäre, die spürbar war, wenn ich mich in diese fremdartige Welt begab.

Das zweite Buch, das ich fand, war großformatig und handelte von Architektur. Der Einband war braun und die goldenen Buchstaben waren im Tiefdruck und tastbar. Ein wunderschönes Bild war auf der Voderseite in der Mitte mit einem goldenen Rahmen. Die Oberkanten der Seite des Kunstwerks waren auch vergoldet. Als ich es aufmachte, war ein Fleck auf der ersten Seite, daran erinnere ich mich sehr gut. Der Inhalt war mit vielen akkuraten Zeichnungen in schwarz und rot. Die Schrift war in Altdeutsch und die Anfangsbuchstaben waren rot verziert. Teilweise fanden sich farbige Zeichnungen, durch ein dünnes durchsichtiges Papier von der gegenüberliegenden Seite getrennt. Ganz vorsichtig habe ich diese dünnen Seiten umgeblättert und gestaunt.

Ich liebte es, die Bilder und Zeichnungen zu betrachten, liebte, den besonderen Geruch den es verströmte zu atmen, es zu spüren, mit den Händen, mit dem Blick, mit meiner ganzen Seele. Nur gelesen habe ich es nie.

Aber es war etwas ganz Besonderes, das merkte ich und habe es immer wieder heimlich bestaunt. Es war eine Zeit lang ein Teil meines Lebens. Ich hätte es gerne richtig in mein Leben integriert, es mitgenommen, besessen. Aber das ließ mein Vater nicht zu. Als er mich das erste Mal beim Anschauen ertappte, nahm er es mir ab. Es sei zu wertvoll um damit zu spielen und ich würde es nur kaputt machen, wie ich alles andere auch kaputt machen würde. Na ja, ich habe schon immer vesucht, alles, was man zerlegen konnte, auseinander zu nehmen und es wieder zusammen zu bauen. Das mit dem Zerlegen hat auch immer geklappt, aber das zusammenbauen.....

Aber ein Buch! Noch dazu eines, das ich so sehr liebte, Darauf hätte ich sicher aufgepasst. Leider war mein Vater, wie immer, anderer Meinung und als er bemerkte, dass ich es immer wieder in die Hand nahm, versteckt er es. Ich glaube, ich habe es dann noch einmal wieder gefunden, aber nur ganz kurz, dann war es wieder verschwunden.

Als ich erwachsen und von zuhause ausgezogen war, besuchte ich meinen Vater und habe das Archtitekturbuch einmal gesehen. Es war, als treffe ich einen alten Freund wieder, der lange Zeit verschollen war. Wärme und Vertrautheit durchströmte mich. Da konnte ich wirklich einschätzen, dass es sehr wertvoll war. Trotzdem fragte ich ihn, ob ich es haben könne. Natürlich nicht. Schade. Es war irgendwie ein Teil von mir, meiner einsamen Kindheit, wo Bücher Freunde und Trost gewesen waren.

Der Kontakt zu meinem Vater riss bald ab und ich habe diese Freunde nie wiedergesehen, aber ich habe sie beide nie vergessen.

© Petra Schuster
Nürnberg, 15.08.2002

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